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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Diktatoren, Tyrannen und Demokraten

 

Es gab in der Antike Diktaturen, und es gab Demokratien. Die bekannteste Demokratie wurde in Athen entwickelt. Davor waren in Athen Tyrannen aufgetreten, Alleinherrscher, die ganz auf die Karte des Volkes setzten, um ihre Macht zu festigen und die daher alles taten, um den Eindruck zu vermitteln, sie handelten nicht etwa für sich, sondern im Interesse des Staates und des Volkes. Allerdings gab es in der Antike noch keine Diktatur, die behauptete, die Demokratie retten zu wollen. Aber es gab immerhin einen Kaiser Augustus, der das Kunststück fertig brachte, eine große Anzahl von Menschen davon zu überzeugen, dass er mit der Einrichtung der Monarchie nichts anderes getan habe, als die alte Republik wiederhergestellt zu haben. Die Ausschaltung seiner Gegner, von denen Marcus Antonius der prominenteste war, stellte der kluge Taktiker der Macht als eine Befreiungstat dar. „Ich habe“, sagte er in seinem Tatenbericht, „dem Staat, der durch die Gewaltherrschaft einer politischen Gruppe unterdrückt worden war, die Freiheit geben.“ Weil Augustus, wenn er von solchen Dingen in der Öffentlichkeit sprach, häufig weinte, waren seine Anhänger gerührt und glaubten ihm jedes Wort.

Die Republik, von der Augustus behauptete, sie gerettet zu haben, war zuvor von seinem Adoptivvater Iulius Caesar zerstört worden. Der „Totengräber der Republik“, wie er von modernen Historikern gerne tituliert wird, stammte aus altadliger, mit tiefblauem Blut ausgestatteter Familie. Als er geboren wurde (praktischerweise genau im Jahre 100 v. Chr.), befand sich die römische Adelsherrschaft in einer schweren Krise. Statt sich wie früher gemeinsam um den Staat zu kümmern (auf diese Weise war Rom zu einer Weltmacht geworden), konnten viele Senatoren der Versuchung nicht widerstehen, danach zu trachten, innerhalb dieses mächtigen Imperiums selbst viel Macht zu gewinnen. Die Folge waren dauerhafte, auch gewaltsam ausgetragene Auseinandersetzungen.

 

Iulius Caesar setzte sich schließlich im Kampf um die Macht durch und wurde, unter Aushebelung geltender Rechtssätze und der Einsetzung scheinbar legaler neuer Gewalten, zum Alleinherrscher. Um seiner Herrschaft den Anschein der Legitimität zu verleihen, bediente er der Institution der Diktatur. Das war in Rom nicht, wie heute, nur die technische Bezeichnung für eine autokratische Herrschaft (in keiner Verfassung auf der Welt gibt es offiziell des Amt des Diktators). In den alten Zeiten der Republik hatte der Senat, wenn es im Staat einen Notstand gab, wie etwa eine militärische Bedrohungslage, die Möglichkeit, einen Diktator zu ernennen, der für die Zeit von maximal sechs Monaten alle Befugnisse erhielt, um das Problem zu lösen. Danach trat er wieder ab und kehrte in die Reihen der Senatoren zurück.

 

In den Turbulenzen der späten Republik löste sich die Diktatur von ihren moderaten Ursprüngen. Sulla, einer der eifrigsten Hüter der alten Verfassung, ließ sich 81 v. Chr. zum Diktator wählen, um diese alte Verfassung zu schützen. Sicherheitshalber ließ er sich nicht darauf ein, diese Diktatur nur, wie früher, zur Behebung eines klar definierten Missstandes zu verwenden. Er hieß gleichermaßen monströs wie nebulös „Diktator zur Wiederherstellung der Republik“ und interpretierte diese Aufgabe in der Weise, dass er jede Menge Gesetze erließ, die letztlich alle dazu dienten, seine politischen Gegner in die Schranken zu weisen.

 

Caesar ging ein paar Jahrzehnte später noch konsequenter vor. Er warf Sulla vor, ein politischer Analphabet zu sein, weil dieser tatsächlich nach zwei Jahren die Diktatur niedergelegt hatte und in Frühpension gegangen war. Ihm sollte so etwas nicht passieren. Zunächst absolvierte Caesar eine normale politische Karriere, ganz im Rahmen der Gewohnheiten und der Gesetze der Republik. Er wurde zu einem erfolgreichen Feldherrn, unterwarf Gallien und sorgte auf diese Weise dafür, dass die heutigen Franzosen auf eine römische Vergangenheit zurückblicken dürfen. Doch nun blies Caesar zum Angriff auf die Republik und seine vielen politischen Gegner, denen er zu mächtig geworden war. Es kam zu einem heftigen Bürgerkrieg, dem Tausende von Menschen zum Opfer fielen. Am Ende stand Caesar als Sieger da. Um seine Herrschaft zu legitimieren, griff er auf das bewährte Mittel der Diktatur zurück. Ein willfähriger Senat, in dem nun fast nur noch Caesars Gefolgsleute saßen, ernannte ihn 45 v. Chr. zum Diktator, nicht wie früher für die Behebung eines bestimmten Problems, sondern gleich für alles. Damit die Okkupation der totalen Macht nicht so auffiel, wurde die Diktatur zunächst auf zehn Jahre vergeben, dann aber im Februar 44 v. Chr. auf Lebenszeit. Lange sollte diese aber nicht mehr dauern. An den Iden des März 44 v. Chr. wurde Caesar Opfer eines Attentats, an dem 60 oppositionelle Senatoren beteiligt waren.

 

Wieder folgten blutige Bürgerkriege. Aus ihnen ging Octavian als Sieger hervor, der unter dem Namen Augustus eine neue Alleinherrschaft errichtete, aber so klug war, diese gewissermaßen als Lebensversicherung als die Rückkehr zur Republik auszugeben, mit einem starken Mann an der Spitze als Garant für Sicherheit und Ordnung. Und wenn jemand leise Zweifel an der Berechtigung seiner Herrschaft erhob, verwiesen Augustus und seine Anhänger auf die schlimmen Zeiten, die nun endlich ein Ende gefunden hatten.