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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Der Limes: Treffpunkt der Kulturen

 

Zuwanderung, Migration, Integration, Akkulturation – Schlagworte aus einer höchst modern und aktuell anmutenden Diskussion. Und doch haben sie auch vor 2000 Jahren schon eine wichtige Rolle gespielt, in ganz Europa, besonders aber in jenen Teilen Deutschlands, die einst Teil des Imperium Romanum waren. Dabei handelt es sich auch und vor allem um das Grenzgebiet des Limes im heutigen Südwestdeutschland. Der Limes war die in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. errichtete, über Rhein und Donau vorgeschobene Grenzlinie, deren Funktion primär darin bestand, die Verbindung zwischen den römischen Rhein- und Donauprovinzen zu verbessern.

Römerstraße in Benningen

Das 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. war eine Zeit der Mobilität, technisch ermöglichst durch exzellente Straßenverbindungen, aber auch politisch gewollt vom Kaiser in Rom und seiner Administration. Das Zauberwort, mit dem man das riesige Reich mit seinen vielen Ethnien, Kulturen und Traditionen zusammenzuhalten und dem Konglomerat eine gemeinsame Identität zu geben bestrebt war, lautete: Romanisierung. Hinter diesem Begriff verbarg sich das Konzept, die römische Kultur als einigendes Band einzusetzen und zugleich den Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden der Welt ein bestimmtes Maß an eigenständiger Kultur zu belassen. Natürlich war Romanisierung kein von Humanität geleitetes Konzept, vielmehr stand dahinter die Strategie, die römische Herrschaft zu sichern. Aber im Effekt ergaben sich manche positive Auswirkungen. Viele Migranten begaben sich damals freiwillig in die Fremde. So wirkte Rom, die Hauptstadt des Weltreiches, gerade auf Menschen aus dem Orient, vor allem aus Syrien und Ägypten, wie ein Magnet. Sie kamen wegen der wirtschaftlichen Attraktivität der Weltstadt, aber auch wegen der sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, die sich ihnen hier boten. Und sie kamen, obwohl mancher Römer angesichts des Zustroms um seinen gesellschaftlichen Status fürchtete. Um 100 n. Chr. machte sich der Dichter Juvenal zum Sprachrohr solcher Befürchtungen und klagte, nun sei der Orontes (ein Fluss in Syrien) in den Tiber geflossen.

Rom als Ziel war klar. Was aber konnte Menschen dazu bewegen, sich ins unwirtliche Germanien, an die Nordgrenzen des Imperiums, zu begeben? Hier, wo es nach mediterranem Empfinden immer kalt und neblig war und wo raue Barbaren lebten? Varus, der 9 n. Chr. die Schlacht im Teutoburger Wald verlor, hatte es zuvor den größten Kulturschock seines Lebens bereitet, als man ihm die Versetzung von Syrien nach Germanien mitteilte.

Die meisten, die kamen, waren Soldaten. Aber auch Händler machten sich auf den Weg, oder auch Menschen, die einfach ihr Glück suchten, denn wo Soldaten waren, gab es immer etwas zu verdienen. Die Soldaten, über deren Lebensbedingungen im Limesgebiet die meisten Informationen vorliegen, erschienen nicht freiwillig. Sie wurden hierhin abkommandiert und waren hier für meist längere Zeit stationiert. Nicht wenige blieben auch nach der regulären Dienstzeit und nahmen dankend das Angebot des Staates in Anspruch, für ihre Versorgung ein Stück Land und einen Gutshof (villa rustica) in Empfang zu nehmen. Im Limesgebiet dienten die Fremden in den so genannten Auxiliartruppen (Hilfstruppen). Sie hatten zunächst kein Bürgerrecht, nach maximal 25 Dienstjahren erfolgte die ehrenhafte Entlassung, und die Fremden wurden mit dem römischen Bürgerrecht belohnt. Insofern erwies sich das Heer als begehrtes Instrument der Integration und der Romanisierung.

Dokumente für Präsenz der Fremden am Limes sind in erster Linie die Inschriften. Literarische Quellen über den Alltag am Limes gibt es kaum, die römischen Historiker hatten im allgemeinen wenig Interesse am hohen Norden. Auch die Archäologie bietet in dieser Hinsicht nur wenige Möglichkeiten der Erkenntnis. Ganz anders die Inschriften. Die Antike war eine Inschriftenkultur, die Steine oder (wenn man mehr Geld hatte) Bronzetafeln waren beliebte Medien der Kommunikation. Vor allem Grabinschriften und Weihinschriften für die Götter liefern eine Vielzahl an Informationen, wie eine kleine Auswahl der besten Texte zeigt.

Eine Grabinschrift aus Offenburg nennt einen Spanier aus Sevilla namens Lucius Valerius Albinus. Von Beruf war er Centurio (Unteroffizier) in einer Kohorte. Nach 23 Dienstjahren wurde er entlassen, bekam, wie der dreiteilige Name zeigt, das Bürgerrecht und starb mit 65 Jahren.

Eine Grabinschrift aus Baden-Baden (Aquae) erwähnt einen Soldaten aus Piacenza in Italien. Sein Name lautete Gaius Veturius Dexter

Als er noch lebte, war er Soldat der 26. Freiwilligenkohorte römischer Bürger gewesen. Er starb nach 16 Dienstjahren im Alter von 24 Jahren.

Römermuseum in Sumelocenna

Aus dem Odenwald stammt ein Weihestein für die Glücksgöttin Fortuna, der von einem Offizier aus dem Schwarzmeergebiet aufgestellt wurde. Seine Heimat war die heute türkische Stadt Sinop (antik nicht viel anders: Sinope). Er hieß Titus Manius Magnus, war also ebenfalls römischer Bürger. Seine Funktion im Heer war die eines Befehlshabers einer Hilfstruppe aus Britannien. Modern formuliert: Ein „Türke“ kommandierte in „Deutschland“ Soldaten aus „England“ – mehr Internationalität geht kaum).

Eine andere Weihinschrift bezeugt einen Tunesier, der in Benningen im Kreis Ludwigsburg arbeitete. Publius Quintus Terminus war Tribun der 24. Freiwilligenkohorte römischer Bürger, die, wie man weiß, in der Zeit Domitians (81 bis 96 n. Chr.) in Heidelberg stationiert wurde und um 150 n. Chr. ins beschauliche Benningen versetzt wurde. Der Römer gewordene Tunesier vergaß nicht, auf der Inschrift seinen afrikanischen Heimatort zu notieren: Seine Wiege stand in Sicca Veneria, das ist das heutige El Kef, 145 Kilometer westlich von Tunis gelegen.

Nicht ganz so weit hatte es eine Frau namens Tessa Iuvenilis. Sie stammte aus Helvetia, der Schweiz also, und starb mit 37 Jahren in Sumelocenna, dem heutigen Rottenburg. Diese Fakten über ihr Leben finden sich auf ihrem Grabstein, den ihr Ehemann für sie hatte errichten lassen. Dieser dürfte nicht beim Militär gedient haben, denn Eheschließungen waren für römische Soldaten bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. hinein verboten. Wahrscheinlich war das Paar aus der Schweiz nach Rottenburg ausgewandert, das damals ein lukrativer Verkehrsknotenpunkt war.

Gab es am Limes wirklich ein „Zusammenleben“ der Kulturen oder nur ein „Nebeneinander“ und vielleicht sogar ein „Gegeneinander“? Stimmen die optimistischen Einschätzungen, wonach das Imperium Romanum dank der Romanisierung ein Modellfall für geglückte Integration war? Die Antwort fällt positiv aus.

Die Soldaten schlossen sich nicht in ihren Kasernen ein, sondern waren aktiver Teil des zivilen Lebens und schlossen nach der Dienstzeit mit einheimischen Frauen Ehen. Sie strengten sich an, nicht als „Barbaren“, sondern als „Römer“ zu gelten, lernten die lateinische Sprache und pflegten die römischen Götter genauso wie ihre eigenen (was in der Geschichte immer so lange funktioniert hat, wie es keinen Monotheismus gab). Die religiöse Vielfalt lässt sich auch auf den Inschriften erkennen. Nicht selten adaptierten sie die Glaubensvorstellungen anderer Fremder. Auf dem Grabstein der Schweizerin Tessia befindet sich ein Attis, ein Vegetationsgott aus Phrygien (Kleinasien), der Kultpartner und Geliebte der Kybele (Magna Mater). Dabei handelte es sich um einen Fruchtbarkeitskult, der Absterben und Wiederentstehen der Vegetation symbolisierte. Besonderer Beliebtheit erfreute sich bei den Soldaten der persische Lichtgott Mithras, der als Stiertöter erwünschte soldatische Tugenden am eindrucksvollsten zeigte.