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Unser Programm für Nordgriechenland ist da!

 

Rom Spezial findet im November 2017 ein zweites mal statt, ebenso das Römische Britannien im Juni 2018.

  

Geschichte spannend, attraktiv und kompetent präsentiert.

Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Die Erfindung des Jakobsweges – Eine perfekte Marketingstrategie

 

Zwar gab es den Begriff „Marketing“ im 8. und 9. Jahrhundert noch nicht. Aber das Talent, mit abenteuerlichen Geschichten Wirkung zu erzielen, war auch dieser Zeit bereits alles andere als fremd.

711: Die Mauren besetzen den Süden Spaniens. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird ein Großteil der Iberischen Halbinsel islamisch. Die Fürsten des Nordens bleiben unabhängig und sehen sich – päpstlicher als der Papst – als Bollwerk des westlichen Christentums gegenüber dem Ansturm der Religion aus dem Orient. Propagiert wird die Parole der „Reconquista“, der „Wiedereroberung“. Aber dazu braucht man die Unterstützung und die Sympathien der anderen Europäer. Wie kann man deren Aufmerksamkeit auf Spanien lenken? Die Lösung ist genial. Man erfindet eine Geschichte, die Nordspanien und seine Fürsten für immer in den christlichen Olymp hebt und die außerdem für prächtige Einnahmen sorgt.

Auf der Suche nach einem passenden Heiligen, den man für diese Zwecke einspannen kann, stößt man auf Jakob. Über diesen gibt es bereits jede Menge frommer Erzählungen. So sei der Heilige Jakob, den die Spanier „Santiago“ nennen, seines Zeichens ein Fischer aus Galiläa, kurz nach dem Tod Jesu nach Spanien gekommen, um das Christentum zu verbreiten (historisch deutlich zu früh, doch Heiligengeschichten kennen in dieser Hinsicht keine Grenzen und Schranken). Der Erfolg der Mission hält sich in bescheidenem Rahmen, und so kehrt er in die Heimat Palästina zurück, wo er laut der Apostelgeschichte 44 n. Chr. auf Anordnung des Herodes Agrippa hingerichtet wird.

Damit war seine Mission aber noch lange nicht beendet, denn die Spanier entdeckten Santiago nun als Galionsfigur für die Auseinandersetzung mit Mauren und Islam. Dazu musste er allerdings irgendwie nach Spanien zurückgebracht werden. Die Legenden-Produzenten liefen zu Höchstform auf und ersannen folgende Geschichte: In Palästina transferierte eine Gruppe von Christen Jakobs sterbliche Überreste in einem Marmorsarg auf ein Schiff. Es war ganz ohne Besatzung, wurde von Engeln über das Mittelmeer durch die Straße von Gibraltar in den Atlantik gesteuert und erreichte schließlich die Küste Galiziens. Hier dirigierten die Engel den Sarkophag im Sinne der Auftraggeber der Geschichte völlig korrekt den Rio Ulla hinauf und kamen schließlich in Iria Flavia, der Hauptstadt des römischen Galizien, an. Hier wurden die Gebeine des Santiago beigesetzt.

Nun musste der Leichnam, um die Geschichte abzurunden, allerdings auch gefunden werden. So machte man sich (es war in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts) auf die Suche nach dem Grab. Ein Eremit namens Pelayo sah – ein perfektes Szenario einen wundersamen Stern, begleitet von himmlischen Chören. Nach seinen Angaben wurde auf einem Gebiet gegraben, das den Namen „Sternenfeld“ trug – lateinisch „campus stellae“, spanisch „Compostella“. Natürlich wurde man fündig, auch deswegen, weil man sicherheitshalber auf einem alten römischen Friedhof grub, wo die Chance, auf Leichname zu stoßen, naturgemäß hoch war. Um Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, ließ man den Heiligen Jakob, den Schutzheiligen aller aufrechten Christen, noch in einer denkwürdigen Schlacht auftreten, die der Asturier Ramiro I. Im Jahre 844 in Clavijo gegen die Mauren schlug. Die Christen siegten, weil, wie Augenzeugen Stein und Bein zu schwören bereit waren, Jakob höchstpersönlich, auf einem weißen Pferd und mit einem Schwert in der Hand, in das Gefecht eingegriffen hatte.

Nun gab es kein Halten mehr. Ganz nach dem Wunsch der nordspanischen Regisseure strömten seitdem Pilger aus ganz Europa auf dem Jakobsweg, mit der Jakobsmuschel im Gepäck, nach Santiago de Compostella, die Stadt des Heiligen Jakob vom Sternenfeld, dort wo sich, wie Papst Leo XIII. im 19. Jahrhundert ultimativ feststellen ließ, das Grab des Fischers aus Galiläa befindet, der den spanischen Christen so wichtige Dienste geleistet hatte.